Troja:
Fantasie Impromptu

Prelude

Die hölzerne Schenkung ist noch weit weg von Troja; die Soldaten für die Bemannung sind allerdings schon ausgewählt; sie sitzen plaudernd auf den Stufen des Amphitheaters, rings um das fremde Objekt, das auf der Bühne steht. Endlich taucht Achilles auf, zwingt sich, träge, durch die Menge. „Musik…“ flüstert er, „… … …. jetzt“. Ein Hoplit, die Schnallen seines Schienbeinschutzes nach einem harten Tag lockernd, überhört und fragt etwas verwirrt: „ja, was für welche?“ – aber schon kommen die ersten süssen Töne, eine angenehme Verdauungsruhe kehrt ein und die ersten, etwas gebildeteren Soldaten wispern begeistert, beinahe verehrend : …Chopin!

Alle Augen sind nun auf das Werk gerichtet, das den Ruhm unserer Stadt in die weite Welt hinein tragen soll. Die Soldaten verstehen noch nicht ganz ihre Rolle, sie ahnen aber die Signifikanz des Ganzen. Bald taucht der Vater des Einfalls, Odysseus auf – lehnt sich über das Geländer, sein beleuchtetes Werk betrachtend. Plötzlich, mit einer mächtigen Bewegung, als würde er sein Werk am liebsten schon sofort, auch ohne Soldaten bestückt, nach Troja schicken, fängt er an, zu Reden.

Bald wendet sich ein Soldat an seinen Nachbarn und meint: genau! Auch wir müssen nachdenken, wenn wir Ideen haben wollen… denn alle Ideen … brauchen einen Vater!!

Allegro Pomposo

So ist es aber. Falls die Stadt geboren werden soll, braucht sie zuallererst einen Vater, der bereit ist, die grosse Aufgabe auf sich zu nehmen, sie zu zeugen, obwohl manche bekanntlich auch Spass daran haben können. Am Schreibtisch blitzt und donnert es Linien: sie Schneiden sich, manchmal in spitzen Winkeln, Spiegelungen und Kreuzungen (die Biologen sagen dem: „crossing over“) erzeugen die absurdesten Eigenschaften, manchmal Winkel von 16.3 Grad – vielleicht sogar Linien, die an sich am Schreibtisch, auf dem Papier gar nicht möglich sind. All diese Prozesse sieht man aber nicht, das heisst, es herrscht eine Art Konsens, dass man sie nicht sehen muss. Trotzdem ist am Ende das Kind da, wirkt so stark beleuchtet ein bisschen bleich, aber erstaunlich real.

Sogar noch über die Zeugung darf jetzt, im nachhinein geredet werden. Dass der Schreibtisch – der Ort der Zeugung – eine wesentliche Rolle spielt und in diesem Fall sogar noch inspirierend auf das Werk gewirkt hat, beteuert nicht nur der Architekt. Sogar noch die Laien können es diesmal einfach nachvollziehen – sind doch beide vorwiegend aus Holz gebaut!
Dass (Sie verzeihen) der Verkehr grundsätzlich nur auf die Oberfläche eines Tisches (und ev. unter dem Tisch), will heissen, dass bei einem Schreibtisch nur sozusagen oberflächlich verkehrt werden kann, stört anscheinend nur wenige, die nun losgeschickt werden, etwas zu basteln….

Andante

Zum Beispiel Peter. Peter ist geniert, weil man sich mit den meisten Menschen nur auf der Oberfläche verkehren kann. Er ist frustriert, dass er das Objekt nicht penetrieren darf. Die Idee der Oberfläche stört Ihn. Er wolle mit Menschen die Oberfläche verlassen und tiefer gehen. Am liebsten würde er das Objekt deswegen auseinanderfalten und – behaupten böse Zungen – vielleicht selbst in die Mitte steigen.

Gigue

Ein Künstler macht die Runde und stiftet dazu an, das Werk zu verpacken, zu verstecken. Darauf hat der Dominik die Idee, das ganze Kunstwerk in einen St. Galler Sack zu stecken. Er erfindet sogar noch eine Geschichte dazu, vielleicht wird der Sack anschliessend durch eine Reihe verwirrender Umstände von der SGSW tatsächlich entsorgt, worauf der Sack, durch noch mehr Verwirrung, in die Hände der CIA gelangt, die den spitzen, in der grauen Kaputze gekleideten Gegenstand in einer Weise verhören, die stark an die in den Medien verbreiteten Bilder eines anderen Verhörs, wo ebenfalls ein spitzer, in einem Sack gekleideten Gegenstand mit Hilfe von Elektrizitätsandrohung gequält wurde, erinnern….

Marsch der Soldaten & Non sequitur

Nina findet es öde, dass heutzutage immer die Einwohner die Stadt retten müssen – falls wir es neu machen können, sollte es doch gefälligst umgekehrt verlaufen. Nur bitte wie denn? Bekanntlich können alternative Konzepte ganz schnell übel (z.B. nach Faschismus) riechen, vor allem wenn solche erkrankte Ideen prophylaktisch und konsequent von einem Experten zu Ende gerochen werden!

Aber glücklicherweise besteht diese Gefahr weniger, wenn man das Gegenmittel oft und überzeugt genug einsetzt, die Demokratie. Zum Beispiel als Antwort auf eine kritische Studentenfrage, gegeben vom obersten Stadtvater, Odysseus selbst:

„Well, it’s a Democracy – you can think what you want“

(Tobi ist erleichtert, denn sogar noch in seiner – noch keineswegs utopische – Utopie darf man doch das denken, was man will. „Anscheinend haben wir das mit der Demokratie schon gelöst“ meint er und lacht verlegen).

Intermezzo: Siegeszug der Demokratie

“Demokratie ist eben wichtig, da haben doch Odysseus, Achilles und die anderen recht…”
“Du sagst es, Demokratie ist wichtig.”
“Ja genau.”
“Und du, was denkst du?”
“Ja, ist wichtig.”
“Mhh..hmm.”
“jaja.”
“mmmm.”
“also schreibs bitte auf: D e m o k r a t i e.”
“ok.”
“also das hätten wir dann…”

“…und jetzt?”

Presto & ein Hoffnungsschimmer [Nach dem Künstler besuchen auch andere Reisenden die Stadt.]

Reisende haben mehr zu sagen, als die, die Sesshaft geworden sind; schliesslich ist dieses Glück ein Zustand der Stasis, eine Zufriedenheit, die beinahe an Dummheit erinnert. Positionswechsel (z.B. mit dem Flugzeug, ab New York oder Hong Kong) meint unerfüllte Suche, Sehnsucht; gewaltige, freiwerdende Energieströme. Reisende kommen, werfen ihr Gepäck auf dem Tisch, vielleicht haben sie nicht einmal Zeit, die Jacke auszuziehen, denn sie müssen gleich weiter; sie betrachten und fällen Urteil über das Werk der Stadtbewohner, die diese etwas beschämt, wie eine arme Familie ein bescheidenes Essen, präsentieren. Ausser Atem wird dann der Ankömmling angehört. Das Werk ist zu eklektisch, meint er, und denkt schon womöglich an seine abstrakte Lieblingsstatue, vielleicht inspiriert von den hohen Wolkenkratzer von Schanghai oder New York.
Nach dem auspacken packt er wieder ein und zieht weiter.

Anna meint dazu, dass sie unsere Stadt trotzdem gut findet.

Finale: General Dance of Enthusiasm, Apotheosis

Die Sonne steigt langsam über Troja empor; die Soldaten, in das Werk endlich eingebracht, sind müde und sehnen sich schon nach dem versprochenen Abendessen. Der Staub der vorangegangenen Vorbereitungen liegt noch in der Morgenluft. Plötzlich taucht Odysseus auf, gefolgt von Achilles dicht auf seinen Versen.

Odysseus: Endlich, endlich vollbracht. Es muss los, enough von diesem Gefangensein, auf nach Troja!

Achilles: Fantastisch, Meister. Gut gemacht.

Diverse Könige: [nicken]

Div. Könige: [nicken noch einmal]

Odysseus: Es ist wichtig, die mutigen Soldaten zu würdigen, die soviel von sich selbst reingesteckt haben.

Soldaten [von Innen]: So ziemlich alles.

Odysseus: Aber sie müssen dann wieder raus und in die Welt hinein! Troja erobern und dann die Welt!

Div. Könige: [nicken]

Achilles: Definitely. [Zu den Soldaten]: Habt ihr gehört, Morgen schon müsst ihr da raus und bitte nichts da drin lassen, alle Gegenstände mitnehmen; bitte nichts an den Wänden anbringen was man nicht leicht weg bringen kann! Zeus ist euch dankbar!

Soldaten: ja-aa.

Odysseus: Ihr habt grossartiges geschafft. [pause]

Odysseus: Und, nun ist es Zeit – bewegt mein Stück! Ja, ja!

Das bunte Pferd steht vor den Toren Trojas. Paris, der schläfrige Prinz, betrachtet, im grünen Burberry-Morgenrock, etwas pikiert das grosse Werk.

Paris: Oh-la-la, mais qu’est-ce que c’est? Malheureusement, ich hatte keine klassische Bildung mehr… Etwas ein bischssen zu bunt gemischt… Jetzt höre ich sogar noch Stimmen- ich meine von da drinnen – soll ich das Ding reinlassen? Ich weiss nicht. Die unsere ist doch eine traditionelle Stadt, wo bis jetzt alle dekonstruktivistischen Experimente schief gelaufen sind. Mag schön sein, aber passt nicht zu mir, passt nicht zu meinem Jakett… Ce n’est pas Paris… Alors, je ne pense pas…
Mais – ich kriege einen Anfruf aus Hong Kong. Hallo?

Hong Kong: Wir haben Informationen, dass eine farbenfrohe, sinnlich überladene Installation vor Ihren Toren steht. Also, wir sind bereit das Ganze zu nehmen und als Suburbia neben unsere Stadt zu integrieren.

Paris: Ah, köstlich! Ich verkauf’s Ihnen!

Soldaten: Hört Ihr? Das sind gute Nachrichten! Schliesslich wurde Hong Kong schon demokratisiert, das heisst das wir nicht Kämpfen müssen! Sie empfangen uns, unsere Stadt, unsere Ideen mit offenen Armen!

Ein Soldat: Aber was ist mit Troja? Eingentlich wollten wir Troja erobern!

Soldaten: Scheiss auf Troja — see, you’re still thinking old Europe! — Wir nicht! Wir fliegen nach Hong Kong [Soldaten singen Hong-Kong-Song]

Die Stimme von Achilles [per Telefon, weil schon im Flugzeug, unterwegs nach Moskau]: Saubere Arbeit Jungs!

Soldaten: Danke, Achilles!

Achilles: Nee, sorry, was ich sagen wollte, ist: arbeitet sauber! Wie besprochen will ich alle angebrachten Kunterbuntereien bis morgen weg haben!

Soldaten: Aber wie sollen wir uns dann in Hong Kong integrieren?

Achilles: Ihr habt wohl nichts gelernt! Solche Äusserlichkeiten sind in einer Demokratie unwichtig! Wichtig ist, dass Ihr viel gelernt habt! Integrate that!

Soldaten: Schon.

Ein König [nickend]: Dann darf auch Odysseus in Ruhe nach Ithaka zurückkehren!

Die Stimme von Odysseus [auch aus einem Flugzeug].: Kreativität, Kinder. Spreizt die Flügel und fliegt, wie ich gerade tue. Verbindet Städte, Punkte, Symbole, Konnotationen. Verknüpft sie. Bündelt sie. Denkt an den Schreibtisch, multipliziert ihn. Und dann denkt einfach weiter… What I really want to say is: spread your wings and just fly, baby!

Soldaten: Es lebe Odysseus!

[Vorhang]

European Beauty III

Mark’s Love

On the day of his graduation, Mark went up to the attic of his Delft dormitory,
opened the window, reached far out into the night and nailed his belt onto the roof’s
overhang. He stuck his head through the hoop and jumped out. His
danging body was noticed early next morning by passers-by, who had, it’s safe to
say, never before seen such a bizarre and terrible sight.

Perhaps the closest anyone ever got to explaining Mark’s sudden departure was Paul, a fellow
student who he had met only a few weeks before, and with whom he had
immediately become close friends. As Paul put it:

“… it was not only because Mark had become disenfranchised by love as a possibility,
for this type of disenfranchisement is experienced, sometimes again and again, in
various stages of a young man’s life. I believe it was rather due to his natural
willingness and desire to think through the most opaque issues. This was what drove him to what he did.”

Yet nonwithstanding these candid words, Paul shook his head at his friend’s radical
departure; even he could never comprehend why Mark had chosen to leave his life for
what he thought “was just the way this world worked.” “Mark”, he continued, “could not
come to grips with the fact that real love cannot exist.” Perhaps pretaining to his
science major, Paul plainly concluded: “The love that Mark was looking for cannot
exist in a world governed by physics, brains and logic”.

Mark had neither given nor taken away anything of real value to his college; he was consciencious with his work, friendly with his colleagues and very gentlemanly with girls; his idiosyncracies were
relatively harmless if not benign; in short, Mark was an average college student,
sheltered from the hard world of sweat and toil by his parent’s kindness and the state’s
generosity.

Through the college years at the technical university, Mark had had three short-term,
alcohol-incited relationships, which was, considering his average looks along with the
male-to-female ratio at his school, not a bad achievement. Mark was secretly proud of
this fact, and spoke of his short affairs as “ex-girlfriends”. The truth
was that none of the three girls were really interested in keeping the relationship up
for more than (and that was the maximum) four days, but neither was Mark, for that
matter. For no matter how much he tried, he felt that ultimately, he and his
“ex-girlfriends” had nothing in common.

And it was indeed one of life’s strange paradoxes that these short, hardly worthy-of-the-name relationships had actually steadfastly convinced Mark of the existence of love; for, he
reasoned, “if there are people that are so incompatible with me”, “then there are
bound to be people who are the other way around”. Thus did he pass his third year at
college without laying one girl, but in moderate spirit, believing that an end to his
troubles was at least theoretically possible any second.

In the fourth year of his studies, exactly a month before his graduation, Mark came
home from a dime-a-dozen party, terribly excited; he strongly felt that he had
fallen in love.

Paul recalled the conversation he had with his exuberant friend that night. He had also
briefly met the girl, Anna, and found her to be too talkative, with an annoying
pronounciation “of all existing vowels and consonants in the English language”. But he wisely kept this
criticism to himself and listened to Mark’s jubilant report on Anna and how she had
“created a direct, logical link to his world” which was “truly rare and certainly very
special”. Finally, Mark was hasty to add: “this time, I know it isn’t just her looks – after
all, she’s not really pretty – I can tell, even in my present, exuberant state”… well,
actually, Paul thougt that Anna’s looks were basically the only thing “going for her” in
his “book”, but decided, again, not to share his thoughts on the matter.

Yes, something had definitely happened at that party, for Mark was spotted having
coffee with Anna the next day, and in the Museum the day after; indeed, Mark
discovered that the two of them shared similar interests, and that “her intelligence,
together with her exotic, female approach” was most “titillating” for his “hitherto
love-starved soul”.

However, Paul was not stupid, and neither was he blind (he had in fact been an air
force pilot before starting university). Soon, he had found out that Anna was
one of the most wanted girls on campus – a campus that comprised of 80% males.He knew that Anna had slept with Mark at least on one occasion, so he gathered that
the relationship was truly gaining a bit of impetus; however, he also saw that Anna still
hung around with a lot of men, everywhere, at all times of the day. The fact that Mark
didn’t even discern the existence of John, an explosively hansome
postdoc student, was not only attributable to the fact that love is blind; it was also due
to the circumstance that Mark didn’t attend the course that John taught. Anna did, however, and
as Paul put it later “did what women usually due in these cases – what she felt like”.

Paul suspected that Anna had made a kind of comparison in her head. She probably
vaguely suspected the fact that John had had the formidable amout of 37 realtionships
in his 28 years, including three actresses, two models, and one princess; perhaps it
was, as Paul put it, “some strange equivalent of love, or real-life-love” which made her
decide to be number 38, for even Paul had to concede that “the two probably didn’t
have that much in common” (having had the questionable experience of sharing a dorm room
with John for half a year) but, as he put it, “when it came to women, John was
one-size-fits all”.

It was this brash, startling turn of events five days before graduation that changed
Mark the way a minus sign negates a figure. “Mark went through all the phases
psychologists probably have on some checklist” “before hitting the floor, like someone
bouncing, falling off stairs”. Paul had even had the questionable honor of being home
as Mark was finally, unmistakeably told off. In what Paul considered an absolute and
fitting climax, Anne was asked the teary, supplicating, unworthy “why” question.

“Because” she had said, “I’m in love with him”.

“When heard from a woman”, Paul concluded, “this is a pretty convincing argument”.
Mark, on the other hand, was not convinced. He cited all the things the two of them had
in common, and all the times the above sentence was used with him as the subject. He
talked about common values, invisible bonds, implied connections. Even the passively
eavesdropping Paul would have become slightly confused, had he not understood that
Mark was arguing from his emotional level. So was Anne, for that matter; only the two
frequencies no longer matched. In fact, “the more Mark cited the great conversations, the hand-holdings, the moments of utter intimacy, the more Anna was convinced of Mark being a real pussy”. Paul saw proof of this in the phrase that left Mark standing in the middle of his room, utterly drained and
thoroughly perplexed: “pull yourself together”. To be fair to Anna, it was probably one of the cruellest things she had ever said to anyone, but Mark’s behaviour had really, truly begun to vex her.

In the next days, as John, sitting on the side of the bed, was asking himself whether
number 38 could perhaps truly be his one love (as, it must however be said, he had
done ample times before), Mark was already on his way up the stairs.
“In retrospect”, says Paul, “Mark made a logical error, which happens ever so often, even
to experienced scientists. He had believed that this connection he perceived when
looking into Anna’s eyes – love, as he thought – had in its formation something
mystical and otherworldly, which would somehow exempt it from the rules of physics and
reason. But unfortunately, this fantastic world does not exist.”